Lebendige Tropfsteinhöhlen Sulzberg (Allgäu)

Quelle: Ramasuri.de

Unser Planet ist immer wieder für neue Überraschungen gut. So werden Entdeckungen gemacht, die vorher nicht für möglich gehalten wurden. So wurden nun bei Sulzberg, im Oberallgäu, lebende "Tropfsteine" entdeckt. Dies mag für den Leser etwas erstaunlich sein, und auch die Geologen, die diesen Fund machten, konnten ihre große Überraschung nicht verbergen.

Zufällige Entdeckung

Die lebenden Tropfsteine wachsen in einem alten Heilwasserstollen, aus welchem über Jahrzehnte hinweg jodhaltiges Wasser entnommen wurde. Die Tropfsteine zeigen sich als milchig-weiße Fäden, welche die gesamte Decke des Stollens bedecken. Auch die Wände sind von einer dichten, schleimigen Schicht überzogen. Die Hydrogeologen, welche auf dieses Naturphänomen stießen, wollten routinemäßig Proben aus der Jodquelle entnehmen. 

Älteste Lebensform im Heilwasserstollen

Bei diesen Fäden handelt es sich um einen Biofilm. Dieser besteht aus stäbchenförmigen Bakterien, welche unter den gegebenen Bedingungen des Heilwasserstollens hervorragend gedeihen. Die Bakterien ernähren sich von aufsteigenden Gasen, die durch das Wasser aus dem Gestein gelöst werden und mit diesen an die Oberfläche steigen. So konnte in dem Stollen eine relativ hohe Menge an Methan nachgewiesen werden. Bei derartigen Biofilmen, welche auch als Extremophile bezeichnet werden, handelt es sich vermutlich um die ältesten Lebensformen unseres Planeten. Sie existierten bereits vor 3,25 Milliarden Jahren und bedeckten zu dieser Zeit große Teile des noch jungen Meeresbodens. 

Wie entsteht und lebt ein solcher Biofilm

Ein derartiger Biofilm entsteht in der Regel in drei Phasen. Die erste wird Induktionsphase genannt. In dieser lagert sich eine zähflüssige Schicht, die aus organischen Stoffen besteht, auf einer feuchten Oberfläche ab. Hierdurch haben die Mikroorganismen es einfach, sich an die Oberfläche anzuheften. In der Akkumulationsphase siedeln sich die verschiedensten Keime auf der Oberfläche an und nutzen die schon vorhandenen organischen Substanzen als Nährstoffe. Dort bildet sich nun ein homogener Film aus, der sich ebenmäßig über die jeweilige Oberfläche erstreckt. Mit zunehmendem Wachstum der Bakterien bilden sich schließlich dreidimensionale Strukturen, wie sie nun im Heilwasserstollen zu bestaunen sind. Der Biofilm im Stollen befindet sich aktuell noch in der Existenzphase. Dies bedeutet, dass sich ein Gleichgewicht im Zuwachs und Abbau der Organismen eingestellt hat. In regelmäßigen Abständen lösen sich Teile des Biofilmes von der Oberfläche ab und werden durch Neue ersetzt. In den meisten Fällen geschieht das Ablösen aufgrund von Sauerstoffmangel oder durch ein zu hohes Gewicht. 

Hoher Jodgehalt begünstigt Wachstum

Das Wasser aus dem Stollen wurde übrigens vor 60 Jahren, im Jodbad Sulzbrunn, zu Heilzwecken eingesetzt. Der hohe natürliche Jodgehalt von 20 Milligramm pro Liter beugt sehr gut Schilddrüsenerkrankungen vor. Das Jod, welches aus tiefen mineralischen Schichten durch das Wasser an die Oberfläche befördert wird, dient den Bakterienkolonien ebenfalls als Nährstoff. Aus diesem Grund kann hier der Begriff extremophil angewendet werden, da die meisten Mikroorganismen bei einer so hohen Jodkonzentration bereits absterben würden. Jod dient auch in der heutigen Zeit immer noch als Desinfektionsmittel. 

Wer den Stollen selbst einmal besuchen möchte, der sollte ein Hotel im Allgäu buchen und dieses Naturschauspiel aus nächster Nähe bewundern. Es lohnt sich auf jeden Fall, diese lebenden "Tropfsteine" mit eigenen Augen gesehen zu haben.